Mehr als vier Jahrzehnte nach ihren ersten elektronischen Experimenten denken Yello noch immer nicht daran, musikalisch stehenzubleiben. Mit «Break Out» präsentieren Boris Blank und Dieter Meier einen weiteren Vorgeschmack auf ihr neues Album «Time Lab», das am 30. Oktober 2026 erscheinen soll. Nachdem sich das Schweizer Duo mit «Around The Sun» zunächst von seiner entspannten, beinahe verträumten Seite gezeigt hatte, schlägt «Break Out» eine deutlich andere Richtung ein. Der Song ist frech, verspielt, rhythmisch und vor allem ausgesprochen tanzbar. Dieter Meiers unverwechselbarer Bariton trifft auf einen treibenden elektronischen Unterbau von Boris Blank, dazu kommen verfremdete Stimmen, markante Bläsersignale und Beats, die den Titel unablässig nach vorne treiben. Inhaltlich passt das perfekt: «Break Out» ist eine Aufforderung, nicht länger nur über Veränderungen nachzudenken, sondern tatsächlich auszubrechen, etwas zu wagen und kreativ zu werden. Meiers tiefe Stimme verleiht dieser Botschaft den für Yello typischen Mix aus Ernsthaftigkeit, Ironie und leichter Absurdität. Nach der ersten neuen Musik seit dem 2020 erschienenen Album «Point» wird damit immer deutlicher, dass «Time Lab» keine nostalgische Rückschau werden soll, sondern ein weiteres Experimentierfeld für zwei Musiker, die sich seit jeher weigern, nach vorgegebenen Regeln zu arbeiten.
Wie so häufig bei Yello entstand auch «Break Out» nicht nach einem klassischen Songwriting-Schema. Am Anfang stand für Boris Blank lediglich eine Klangidee, in diesem Fall eine prägnante Bläserfigur. Von dort aus entwickelte sich das Stück Schritt für Schritt. Blank komponiert nach eigener Aussage nicht mit einem vorher festgelegten Ablauf aus Strophe, Refrain und Break. Vielmehr lässt er ein Element zum nächsten führen und wartet darauf, welche Überraschungen daraus entstehen. Genau diese Arbeitsweise gehört seit Jahrzehnten zum Geheimnis des Yello-Sounds. Blank versteht Musik weniger als etwas, das am Klavier oder mit einer Gitarre nach traditionellen Regeln geschrieben wird, sondern als Klangarchitektur. Geräusche, Samples, Stimmen, Rhythmusfragmente und Instrumente werden gesammelt, bearbeitet und so lange miteinander kombiniert, bis daraus eine eigene Welt entsteht. Bei «Break Out» gefallen ihm besonders die Verbindung aus kräftigen Beats, Bläsern, Meiers stakkatoartiger Stimme und rhythmisch verfremdeten Vocals. Blank spricht dabei selbst von einer Art typischer «Blank-Architektur» – einer Beschreibung, die ziemlich genau erklärt, weshalb ein Yello-Song meist schon nach wenigen Sekunden als solcher erkennbar ist. Bereits beim im Juni 2026 veröffentlichten «Around The Sun» hatte er gezeigt, wie selbstverständlich Vergangenheit und Gegenwart bei Yello ineinandergreifen können: Für diesen Song verwendete Blank eine Jahrzehnte alte Gesangsaufnahme von Dieter Meier und baute darum eine vollständig neue Produktion.
Auch visuell führt «Break Out» diese Idee weiter. Das Musikvideo stammt vom Zürcher Grafiker und Künstler Ernst Gamper, der ebenfalls für die Gestaltung von «Time Lab» und der Single verantwortlich ist. Gamper ist für Yello kein Unbekannter: Bereits bei den legendären Albumhüllen von «You Gotta Say Yes To Another Excess», «Stella» und «One Second» arbeitete er mit dem Duo zusammen. Für «Break Out» greift er auf Elemente dieser gemeinsamen Vergangenheit zurück, verwendet sie jedoch nicht als nostalgische Erinnerung, sondern setzt sie neu zusammen. Das Cover zeigt ein gerastertes männliches Profil mit weiblichem Auge und Mund und funktioniert damit fast wie ein visuelles Sample. Genau dieses Prinzip passt hervorragend zu «Time Lab». Die Vergangenheit liefert das Material, aus dem etwas Neues entstehen kann. Boris Blank bringt die Idee des Albums mit dem Satz «Die Zeit beginnt dort, wo sie endet – oder umgekehrt» auf den Punkt. Yello betrachten ihre mehr als 45-jährige Geschichte somit nicht als Museum, sondern als riesiges Archiv voller Klänge, Bilder und Ideen, die jederzeit zerlegt und in einer neuen Form wieder zusammengesetzt werden können.
Die Geschichte von Yello begann Ende der 1970er-Jahre in Zürich. Boris Blank hatte zunächst gemeinsam mit Carlos Perón mit elektronischer Klangerzeugung, Tonbändern und selbst aufgenommenen Geräuschen experimentiert. 1979 stiess Dieter Meier dazu, und mit dieser Begegnung entstand jene Kombination, die Yello schliesslich international bekannt machte. Nach dem Ausscheiden von Perón entwickelte sich die Formation zum Duo aus Blank und Meier. Das Debütalbum «Solid Pleasure» erschien 1980 und enthielt mit «Bostich» einen frühen Clubklassiker. Es folgten Alben wie «Claro Que Si», «You Gotta Say Yes To Another Excess», «Stella», «One Second» und «Flag». Songs wie «I Love You», «Lost Again», «Vicious Games», «Desire», «Oh Yeah» und «The Race» machten Yello weit über die Schweiz hinaus bekannt. Besonders «Oh Yeah» erhielt durch seinen Einsatz im Film «Ferris macht blau» beziehungsweise «Ferris Bueller’s Day Off» Kultstatus, während «The Race» 1988 auch in Grossbritannien ein grosser Charterfolg wurde. Bereits lange bevor elektronische Musik den Mainstream eroberte, arbeiteten Yello mit Samples, verfremdeten Stimmen, ungewöhnlichen Geräuschen und synthetischen Klanglandschaften und gelten deshalb als wichtige Wegbereiter moderner elektronischer Pop- und Dance-Musik. 1997 wurden Boris Blank und Dieter Meier für ihr Schaffen mit dem Kunstpreis der Stadt Zürich ausgezeichnet.
Boris Blank wurde am 15. Januar 1952 in der Schweiz geboren und ist der musikalische Konstrukteur hinter Yello. Eine klassische musikalische Ausbildung besitzt er nicht, was seiner Arbeitsweise vermutlich sogar entgegenkam. Schon früh begann er, Geräusche aufzunehmen und daraus eigene Klangcollagen zu bauen. Bis heute verfügt er über ein enormes persönliches Archiv aus Samples, Patterns und Geräuschfragmenten, auf das er beim Komponieren zurückgreift. Dieter Meier wurde am 4. März 1945 in Zürich geboren und hatte sich bereits vor Yello als Konzept- und Performancekünstler einen Namen gemacht. Neben der Musik arbeitete er als Filmemacher, Autor und Künstler, war zeitweise professioneller Pokerspieler und ist zudem Unternehmer. Er betreibt unter anderem Landwirtschaft und Weinbau in Argentinien. Bei Yello ist Meier vor allem für Texte, Stimme und die visuelle Welt verantwortlich, während Blank den grössten Teil der Musik konstruiert. Gerade dieser Gegensatz funktioniert seit Jahrzehnten: hier der akribische Klangtüftler, dort der Sprach- und Bildkünstler mit dem unverwechselbaren tiefen Bariton.
«Break Out» zeigt nun, dass diese Rollenverteilung auch 2026 noch erstaunlich frisch klingt. Der Song besitzt zahlreiche Elemente, die man mit klassischen Yello-Aufnahmen verbindet, versucht aber nicht, einfach «The Race», «Oh Yeah» oder «Vicious Games» neu aufzulegen. Vielmehr bedienen sich Blank und Meier aus ihrer eigenen Geschichte wie aus einer Palette voller Farben. Altes Material darf wieder auftauchen, wird verändert, neu zusammengesetzt und in einen anderen Zusammenhang gestellt. Genau darin steckt vermutlich auch die Idee hinter dem Albumtitel «Time Lab»: Die Zeit wird zum Labor, Vergangenheit und Gegenwart lassen sich miteinander vermischen, und aus Erinnerungen entsteht neue Musik. «Break Out» liefert dazu den passenden Befehl. Ausbrechen, neu kombinieren und weitergehen – eine Haltung, die Yello im Grunde bereits seit Ende der 1970er-Jahre verfolgen und die offenbar auch nach mehr als 45 gemeinsamen Jahren noch lange nicht ausgereizt ist.
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