«Cars And Things That Go»: Nickless lässt den Teenie-Pop hinter sich
Mit «Cars And Things That Go» veröffentlicht Nickless ein Album, das deutlich macht, wie weit sich der Zürcher Musiker in den vergangenen Jahren entwickelt hat. Der Multiinstrumentalist, Sänger und Schlagzeuger, der mit bürgerlichem Namen Nicola Kneringer heisst, wurde am 5. Oktober 1995 in Zürich geboren und wuchs in Uetikon am See auf. Schon als Kind begann er Schlagzeug zu spielen, später kamen Gitarre, Klavier, Songwriting und Produktion dazu. 2015 gelang ihm mit «Waiting» der nationale Durchbruch; 2016 wurde der Song bei den Swiss Music Awards als «Best Hit National» ausgezeichnet. Mit seinem neuen Album, das am 22. Mai 2026 über Universal Music Switzerland erschienen ist, klingt Nickless nun endgültig nicht mehr wie ein junger Schweizer Pop-Newcomer, sondern wie ein Künstler mit internationalem Anspruch. Apple Music führt «Cars And Things That Go» als Popalbum mit elf Songs und 34 Minuten Laufzeit und beschreibt es als Werk, in dem grosse Popmelodien auf «jede Menge Eighties-Liebe» treffen.
Wenn Schweizer Pop nach Welt klingt
Genau diese «Eighties-Liebe» ist auf dem Album sofort hörbar. Synthesizerflächen, klare Beats, gelegentliche Saxophon-Farben und grosse Refrainmomente erinnern stellenweise an eine Zeit, in der Pop noch nach Neonlicht, Autofahrten bei Nacht und emotionalen Stadionmelodien klang. Gleichzeitig wirkt das Album nie wie eine reine Retro-Übung. Nickless greift den Klang der 80er-Jahre nicht museal auf, sondern übersetzt ihn in ein modernes, sehr internationales Popgewand.
«Selten klingt ein Schweizer Künstler so wenig nach reinem Schweizer Markt – und das ist ausdrücklich als Kompliment gemeint», sagt Andi Balsiger, Musikchef von Spitalradio LuZ. «Nickless liefert auf diesem Album einen Sound, der problemlos neben internationalen Produktionen bestehen kann. Die Songs haben Breite, Glanz und eine enorme Selbstverständlichkeit.»
Vom viralen Moment zur künstlerischen Reife
Der Weg zu diesem Album wurde stark von «Don’t Stop The Car» geprägt. Ein Live-Clip des Songs entwickelte sich ein Jahr nach der Veröffentlichung viral und brachte Nickless in internationale Playlists. Dazu kamen spektakuläre Performances, darunter ein Schlagzeug-Auftritt in grosser Höhe auf einem Heissluftballon. Starzone berichtete 2025 über diese Aktion in rund 120 Metern Höhe und erwähnte auch, dass sich Dieter Bohlen mit den Worten «Ich bin Fan!» zu Nickless geäussert habe. Solche Momente hätten leicht zur reinen Selbstinszenierung werden können. Doch «Cars And Things That Go» beweist das Gegenteil: Hinter den viralen Bildern steckt ein Musiker, der seine Kunst ernst nimmt und nicht nur auffallen, sondern bestehen will.
Inhaltlich ist «Cars And Things That Go» ein Album über Bewegung, Zweifel, Aufbruch und das Gefühl, unterwegs zu sein, ohne immer genau zu wissen, wohin. Der Titel beschreibt nicht einfach Autos oder Dinge, die sich fortbewegen, sondern einen Lebenszustand. Draussen zieht alles vorbei: Menschen, Orte, Pläne, Erwartungen. Innerlich aber bleibt manchmal eine Leere, ein Innehalten, ein leiser Stillstand. Radio Munot beschrieb das Album als Ergebnis einer intensiven Phase des Verarbeitens und hob hervor, dass Nickless auf einen künstlichen Masterplan verzichte und stattdessen auf Authentizität setze. Die Songs bewegten sich demnach in einem modernen Synth-Pop-Gewand mit starken 80er-Jahre-Einflüssen und einer nahbaren Melancholie.
Erwachsen, fokussiert und erstaunlich geschlossen
Diese Einschätzung trifft den Kern des Albums gut. Nickless klingt auf «Cars And Things That Go» nicht kalkuliert, sondern gereift. Die jugendliche Leichtigkeit früherer Popmomente ist nicht verschwunden, aber sie hat sich verändert. Der Teenie-Pop ist einer erwachseneren, reflektierteren Sprache gewichen. Die Songs wirken nicht mehr wie der Versuch, möglichst schnell einen Hitmoment zu erzwingen, sondern wie Momentaufnahmen eines Künstlers, der genauer weiss, was er erzählen will.
«Nickless ist mit diesem Album hörbar erwachsen geworden», sagt Andi Balsiger. «Er verliert dabei nicht seine Eingängigkeit, aber er gewinnt an Tiefe. Das ist kein glattpolierter Schweizer Pop für den Moment, sondern ein Album, das man mehrmals hören will.»
Stimmlich gehört «Cars And Things That Go» zu den überzeugendsten Arbeiten von Nickless. Seine Stimme hat Druck, Höhe und Wiedererkennungswert. Besonders in den grösser angelegten Refrains kann er abheben, ohne übertrieben zu wirken. Er singt nicht nur über Melancholie und Aufbruch, sondern trägt diese Gegensätze auch stimmlich: mal kraftvoll, mal verletzlich, mal fast hymnisch. Gerade diese Mischung macht das Album stärker als viele Produktionen, die zwar modern klingen, aber emotional wenig haften bleiben.
Musikalisch ist das Album auffallend geschlossen. Moderner Synth-Pop trifft auf klare Schlagzeugakzente, breite Klangflächen und viel Sinn für Melodie. In einzelnen Momenten fühlt man sich tatsächlich in die 80er-Jahre zurückversetzt: nicht billig kopiert, sondern elegant zitiert. Die Synth-Passagen und Saxophon-Anklänge erinnern an weltbekannte Popästhetik, bleiben aber im Dienst der Songs. «Es gibt auf diesem Album Momente, in denen man unweigerlich an internationale Popklassiker denkt», sagt Andi Balsiger. «Aber Nickless klingt dabei nie wie eine Kopie. Er nimmt diese Klangwelt auf und macht daraus etwas Eigenes.»
Ein Album mit grossem Radius
Dass Nickless inzwischen über den Schweizer Rahmen hinausdenken kann, zeigt nicht nur die internationale Aufmerksamkeit rund um «Don’t Stop The Car». Auch seine Auftritte ausserhalb der Schweiz und seine wachsende Präsenz auf grossen Bühnen sprechen für einen Künstler, der den nächsten Schritt sucht. Radio 24 schrieb im Vorfeld des Albums, Nickless schalte 2026 «einen Gang höher» und verwies auf die wachsende Fanbase von Europa bis Südostasien, Südamerika und ins südliche Afrika. Dazu passt auch, dass er bereits im ZDF-Fernsehgarten sein Können zeigen konnte und auf dem aktuellen Album auch ein Hauch Dieter-Bohlen-Glanz mitschwingt – ein Hinweis darauf, dass Nickless zunehmend in grösseren Popzusammenhängen wahrgenommen wird.
Ein Schwachpunkt des Albums ist höchstens, dass es sich stark auf seine eigene Klangwelt verlässt. Wer radikale stilistische Brüche sucht, wird sie hier kaum finden. Doch genau diese Konsequenz ist gleichzeitig eine Stärke. «Cars And Things That Go» wirkt nicht zerfahren, sondern fokussiert. Die Songs gehören zusammen, ohne beliebig zu klingen. Man spürt eine klare ästhetische Entscheidung: Nickless will nicht alles gleichzeitig sein, sondern seine eigene Spur vertiefen.
Für Andi Balsiger ist genau das der Grund, weshalb das Album überzeugt: «Dieses Album hat erstaunlich wenige Schwächen. Wer «Cars And Things That Go» kauft oder bewusst hört, bekommt kein Sammelsurium einzelner Singles, sondern ein rundes Popalbum. Es macht Lust auf mehr – und es zeigt, dass Nickless das Potenzial hat, weit über die Schweiz hinaus wahrgenommen zu werden.»
So bleibt am Ende der Eindruck eines Albums, das Nickless auf eine neue Stufe hebt. «Cars And Things That Go» ist weder ein reiner Neuanfang noch ein nostalgischer Rückblick. Es ist ein bewusstes Weiterfahren: mit mehr Reife, mehr internationalem Flair, mehr stimmlicher Präsenz und einem Sound, der Schweizer Pop selbstbewusst grösser denkt. Nickless beweist damit, dass er nicht nur virale Momente erzeugen kann, sondern auch ein Album tragen kann. Und genau das ist vielleicht die wichtigste Botschaft dieser Veröffentlichung: Der Hype mag ihn angeschoben haben – die Musik rechtfertigt ihn.




