Sanaë – Two Faced

KW 27 | 29. Juni - 5. Juli 2026
Foto: Sanaé (Pressefoto von Nils Sandmeier)

Mit «Two Faced» veröffentlicht die Schweizer Singer-Songwriterin Sanaë einen Song über Menschen, die nach aussen charmant und freundlich wirken, im nächsten Moment aber manipulativ, verletzend oder vorwurfsvoll auftreten. In einer Zeit, in der der Begriff «toxisch» schnell fällt und soziale Medien voller Ratschläge zu Kontaktabbruch, Selfcare und Abgrenzung sind, wählt Sanaë einen anderen Weg. Ihr Song setzt nicht auf laute Konfrontation, sondern auf stille Erkenntnis. «Two Faced» erzählt von dem Moment, in dem man eine Person endlich durchschaut. Die Maske fällt, die Schuldgefühle verlieren ihre Kraft, und plötzlich wird klar: Der Fehler lag nicht bei einem selbst. Sanaë singt dazu: «I’m done playing games, it was my mistake doubting myself when you’re to blame.» Es ist ein Satz, der nach Befreiung klingt – nicht wütend herausgeschrien, sondern mit jener ruhigen Stärke, die entsteht, wenn man sich selbst wieder vertraut.

Für die 24-jährige Bernerin ist genau das der Kern des Songs. Im echten Leben würde sie bei solchen Menschen nicht unbedingt einen Streit suchen. «Two Faced» zeigt deshalb eine andere Form von Selbstbehauptung: Man muss nicht eskalieren, um sich zu lösen. Manchmal reicht die Erkenntnis, dass man nicht das Problem ist – und dass man froh sein darf, nicht so zu sein wie die andere Person. Sanaë beschreibt dieses Gefühl mit einem Augenzwinkern sogar als eine Mischung aus Freude und Schadenfreude. Musikalisch ist «Two Faced» keine sanfte Schmusenummer, sondern ein Soul-Pop-Song mit stiller Wucht. Eine trotzige E-Gitarre, ein beharrliches Klavier und ein Refrain, der sofort zum Mitsingen einlädt, tragen die Botschaft nach vorne. Wenn Sanaë singt: «No, I never wanna be like you, got some issues because of you», klingt das verletzlich und selbstbewusst zugleich. Ihre Stimme wirkt nah und intim, besitzt aber gleichzeitig die Kraft für grosse Bühnen.

Sanaë stammt aus der Schweiz, wird heute mit Bern in Verbindung gebracht und wuchs in einem Dorf im Kanton Solothurn auf. In ihrer Familie wurde viel gemeinsam gesungen. Bereits mit sieben Jahren begann sie Cello zu spielen, später kamen Klavier und Gitarre dazu. Als Jugendliche schrieb sie zunächst Gedichte, aus denen mit der Zeit eigene Songs entstanden. Diese Verbindung von Sprache, Gefühl und Melodie prägt ihre Musik bis heute. Ihre bisherigen Veröffentlichungen zeigen eine Künstlerin, die sich nicht auf eine einzige Farbe festlegen lässt. In «Enjoy the Show» verband sie Selbstironie mit eingängigem Popgefühl, während «White Walls» eine sehr persönliche Seite offenbarte. In diesem Song thematisierte Sanaë ihre epileptischen Anfälle und machte deutlich, dass Musik für sie nicht nur Ausdruck, sondern auch Verarbeitung ist.

Auch «Two Faced» trägt diese persönliche Tiefe in sich. Sanaë lebt seit ihrer Jugend mit Epilepsie und seit einigen Jahren zusätzlich mit ME/CFS, einer chronischen Erkrankung des Nervensystems, die den ganzen Körper beeinträchtigen kann. Dennoch möchte sie nicht über Mitleid wahrgenommen werden, sondern über Resilienz. Genau diese Haltung steckt auch im neuen Song: sich nicht unterkriegen lassen, den eigenen Wert erkennen und negative Dynamiken hinter sich lassen.

Entstanden ist «Two Faced» in einer spontanen Writing Session in Bozen gemeinsam mit Fabian Pichler und Seda Yagci. Laut Sanaë sprudelten die Sätze plötzlich einfach heraus. Produziert wurde die Single von Kim Wennerström, der bereits mit Künstlerinnen wie Leslie Clio, Zara Larsson und Madeline Juno gearbeitet hat. Der Sound dürfte besonders Hörerinnen und Hörer ansprechen, die Stimmen wie Teddy Swims, Rag’n’Bone Man, Lola Young oder London Grammar mögen. Auch visuell spielt «Two Faced» mit Gegensätzen. Fester Blick, feuerrote Beleuchtung, Licht und Schatten: Der Style des Songs greift das Thema der zwei Gesichter auf und übersetzt es in starke Bilder. Sanaë zeigt sich darin nicht als Opfer, sondern als Frau, die verstanden hat, was passiert ist – und nun weitergeht.

Mit «Two Faced» gelingt Sanaë ein weiterer Schritt hin zu einem eigenen, wiedererkennbaren Sound zwischen Soul, Pop und emotionaler Direktheit. Der Song richtet sich an alle, die gelernt haben, manipulative Menschen zu erkennen, ohne sich selbst dabei zu verlieren. Er zeigt: Wahre Stärke muss nicht laut sein. Manchmal besteht sie darin, ruhig zu bleiben, klar zu sehen und den eigenen Weg weiterzugehen.


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