Michael Jackson ist zurück: Der «King of Pop» lebt in den Charts weiter
Michael Jackson ist seit dem 25. Juni 2009 tot. Im Juni 2026 jährt sich sein Todestag bereits zum 17. Mal. Und doch wirkt es im Moment fast so, als sei der «King of Pop» wieder mitten im aktuellen Musikgeschehen angekommen. Auslöser ist der neue Kinofilm «Michael», der das Leben und die Karriere des Ausnahmekünstlers auf die grosse Leinwand bringt. In der Folge werden seine Klassiker wieder vermehrt gestreamt, gekauft und in Playlists aufgenommen. Das zeigt sich auch in der Schweiz: In der aktuellen Schweizer Single-Hitparade liegt «Billie Jean» auf Platz 2, «Beat It» folgt auf Platz 4. Beide Songs stammen aus dem legendären Album «Thriller» von 1982 und gehören längst zum festen Inventar der Popgeschichte.
Auch «Don’t Stop ’Til You Get Enough» ist wieder präsent. Der Song erschien 1979 auf dem Album «Off The Wall», wurde von Michael Jackson geschrieben und von Quincy Jones produziert. Es war einer jener Titel, mit denen Jackson endgültig den Schritt vom früheren Kinderstar der Jackson 5 zum eigenständigen Solokünstler schaffte. Der Song brachte ihm seinen ersten Grammy und gilt bis heute als einer der grossen Disco-Funk-Momente der späten 70er-Jahre. In aktuellen Auswertungen taucht der Titel ebenfalls wieder auf, in der Schweiz etwa in Streaming- und Download-Umfeldern, wenn auch je nach Chartquelle unterschiedlich hoch.
Ein Film, der vor allem die Ikone zeigt
Der Film «Michael» wurde von Antoine Fuqua inszeniert, das Drehbuch stammt von John Logan. In der Hauptrolle ist Jaafar Jackson zu sehen, ein Neffe von Michael Jackson und Sohn von Jermaine Jackson. Der Film erzählt Jacksons Weg von den Anfängen mit den Jackson 5 über die frühe Solokarriere bis in die Ära der «Bad»-Tour Ende der 80er-Jahre. Damit konzentriert sich der Film vor allem auf den Aufstieg, die Bühnenmagie, die Musik und den Aufbau der Kunstfigur Michael Jackson.
Gerade diese Konzentration ist aber auch ein zentraler Kritikpunkt. Der Film endet vor den späteren Missbrauchsvorwürfen und lässt damit einen der schwierigsten Teile der Michael-Jackson-Biografie weitgehend aus. Zwar wurde Jackson 2005 in einem Strafprozess von allen Anklagepunkten freigesprochen, die Vorwürfe und die öffentliche Debatte um sein Leben sind aber bis heute Teil seiner Geschichte.
Für Andi Balsiger, Musikchef von Spitalradio LuZ, liegt genau darin die Spannung dieses Comebacks: «Michael Jackson war ein Mega-Star, der bis heute nichts von seiner Bekanntheit eingebüsst hat. Trotz der schweren Vorwürfe, die seine Biografie bis heute überschatten, ist seine Popularität erstaunlich ungebrochen geblieben. Musikalisch bleibt vieles von dem, was er geschaffen hat, schlicht grossartig.»
Die Musik trägt den Film – und der Film trägt die Musik
Der grosse Effekt des Films zeigt sich nicht nur an der Kinokasse, sondern auch in den Musikcharts. Wer den Film sieht, hört dort wieder «Billie Jean», «Beat It», «Thriller», «Human Nature», «Smooth Criminal» oder «Don’t Stop ’Til You Get Enough» – und landet danach offenbar direkt bei Spotify, Apple Music, YouTube oder in den Download-Shops. Aus einem Kinobesuch wird so ein Streaming-Impuls.
Das ist kein rein schweizerisches Phänomen. Auch in anderen Ländern tauchen Michael-Jackson-Titel wieder in den Hitlisten auf. In Irland lagen «Billie Jean», «Beat It» und «Don’t Stop ’Til You Get Enough» wieder weit vorne, in Deutschland war «Thriller» erneut in den Albumcharts stark vertreten, und auch in Österreich, Luxemburg, Frankreich, Griechenland, den Niederlanden, Schweden, Dänemark und weiteren Ländern wurden Re-Entries oder deutliche Chartbewegungen gemeldet. Besonders auffällig ist, dass nicht nur ein einzelner Song profitiert, sondern gleich ein ganzer Katalog.
Das zeigt, wie aussergewöhnlich breit Michael Jacksons musikalisches Erbe ist. «Billie Jean» funktioniert bis heute mit seiner Basslinie, «Beat It» verbindet Pop, Rock und Funk, «Thriller» ist ein Popkultur-Ereignis geblieben, und «Don’t Stop ’Til You Get Enough» klingt auch 47 Jahre nach seiner Veröffentlichung erstaunlich frisch. «Die Musik hat nichts von ihrer Genialität eingebüsst», sagt Andi Balsiger. «Man kann über die Person Michael Jackson bis heute kontrovers diskutieren. Aber seine besten Songs haben eine Qualität, die Generationen überdauert.»
Wer vom neuen Michael-Jackson-Boom profitiert
Vom aktuellen Boom profitieren gleich mehrere Seiten. Zuerst natürlich die Kinobranche: «Michael» ist ein massiver Publikumserfolg. Laut Box Office Mojo steht der Film inzwischen weltweit bei über 703 Millionen Dollar Einspielergebnis, davon rund 282 Millionen Dollar in Nordamerika und über 421 Millionen Dollar ausserhalb Nordamerikas. Damit ist der Film einer der erfolgreichsten Musik-Biopics der jüngeren Zeit.
Auch die Rechteinhaber profitieren. Die Musik von Michael Jackson ist ein Milliardenvermögen. Sony Music hat 2024 einen grossen Anteil an Jacksons Musikrechten übernommen; berichtet wurde damals von einem Deal über mindestens 600 Millionen Dollar bei einer Bewertung von über 1,2 Milliarden Dollar. Damit fliesst jeder neue Streaming-Schub, jede Synchronisation, jeder Soundtrack-Verkauf und jede erneute Chartplatzierung auch in ein hochprofessionell verwaltetes Rechtegeschäft.
Dazu kommen Michael Jacksons Nachlassverwaltung, seine Erben, Plattenfirmen, Verlage, Streamingplattformen, Merchandising-Anbieter und nicht zuletzt Veranstalter von Tribute-Shows. Ein Film wie «Michael» ist deshalb nicht nur ein kulturelles Ereignis, sondern auch ein wirtschaftlicher Motor. Alte Songs werden neu vermarktet, junge Hörerinnen und Hörer entdecken den Katalog, ältere Fans kehren zurück – und der Name Michael Jackson bleibt als Marke präsent.
Ein Kassenschlager mit umstrittener Erzählung
Die Reaktionen auf den Film sind gespalten. Beim Publikum kommt «Michael» offenbar sehr gut an, die Kinokassen sprechen eine deutliche Sprache. Auch Jaafar Jacksons Darstellung wird vielerorts gelobt, weil er Stimme, Bewegung, Bühnenpräsenz und Körpersprache seines Onkels erstaunlich genau einfängt. Gleichzeitig werfen Kritiker dem Film vor, zu glatt, zu vorsichtig und zu sehr auf die Pflege des Mythos ausgerichtet zu sein.
Der «Guardian» beschreibt den Film als Teil einer neuen Rehabilitierung von Michael Jacksons Image und kritisiert, dass die problematischen Seiten seiner Geschichte im öffentlichen Hype teilweise verdrängt würden. Gerade weil der Film vor den späteren Kontroversen endet, bleibt vieles unausgesprochen.
Auch Andi Balsiger sieht den Film deshalb nicht als endgültige Annäherung an den Menschen Michael Jackson: «Der Film zeigt viel Glanz, viele grosse Momente und natürlich grossartige Musik. Aber wirklich viel Neues erfährt man nicht. Die Kunstfigur Michael Jackson bleibt auch nach diesem Film ein Geheimnis.»
Genau darin liegt vielleicht der Grund, weshalb Michael Jackson bis heute fasziniert. Er war Sänger, Tänzer, Komponist, Perfektionist, Pop-Visionär und Projektionsfläche zugleich. Seine Biografie ist hell und dunkel, triumphal und belastet, bewundert und umstritten. Der aktuelle Erfolg zeigt aber eines sehr deutlich: Seine Musik hat den Sprung in eine neue Zeit geschafft. Fast 17 Jahre nach seinem Tod steht Michael Jackson wieder dort, wo er zu Lebzeiten so oft stand – mitten in den Hitparaden.




