«Everything Glows» zeigt Cannons auf dem vorläufigen Höhepunkt ihres Schaffens

Das Trio aus Los Angeles verbindet Retro-Glanz mit moderner Eleganz
Bild: Cannons (Cover)

Ein Album, das leise leuchtet und lange bleibt

Mit «Everything Glows» legen Cannons ein Album vor, das nicht laut um Aufmerksamkeit wirbt und gerade deshalb Wirkung entfaltet. Das Trio aus Los Angeles — Michelle Joy, Ryan Clapham und Paul Davis — ist längst kein Geheimtipp mehr in den USA, wird in der Schweiz jedoch noch immer erstaunlich wenig wahrgenommen. Das neue, am 27. März 2026 erschienene fünfte Studioalbum zeigt eindrücklich, weshalb sich das ändern sollte: Cannons beherrschen die Kunst, Musik zugleich schwebend, sinnlich und präzise klingen zu lassen. «Everything Glows» ist ein Werk voller Atmosphäre, aber auch voller Substanz. Es erscheint über Columbia Records und umfasst elf Songs.

Vom kalifornischen Trio zum internationalen Dream-Pop-Erfolg

Cannons wurden 2013 in Los Angeles gegründet und entwickelten über die Jahre einen Sound, der sich zwischen Dream-Pop, Synthwave, Indie-Pop und modernem Westcoast-Electropop bewegt. Die Band besteht aus Sängerin Michelle Joy, Gitarrist Ryan Clapham und Multiinstrumentalist Paul Davis. Den internationalen Durchbruch schafften Cannons mit «Fire for You», das 2021 Platz 1 der Billboard Alternative Airplay Charts erreichte, nachdem der Song durch die Serie «Never Have I Ever» zusätzliche Aufmerksamkeit erhalten hatte. Seither hat sich die Band von einem stilistisch markanten Projekt zu einem weltweit erfolgreichen Act mit Milliarden Streams, grossen Festivalauftritten und einer immer klarer konturierten künstlerischen Identität entwickelt.

«Everything Glows» knüpft an diese Entwicklung an, geht aber zugleich einen Schritt weiter. Während «Heartbeat Highway» noch stark von Bewegung, Tourleben und offenem Vorwärtsdrang geprägt war, wirkt das neue Album introspektiver, verletzlicher und zugleich geschlossener. Michelle Joy sprach im Zusammenhang mit dem Album vom «verletzlichsten Album», das Cannons bisher gemacht haben. Entstanden ist es in einer Phase körperlicher und mentaler Erschöpfung; Joy berichtete, sie sei nach der vergangenen Tour schwer anämisch und völlig ausgebrannt gewesen. Gerade aus diesem Zustand der Überforderung heraus entwickelte die Band jedoch kein dunkles Rückzugswerk, sondern ein Album über Loslösung, Offenheit und die Möglichkeit, selbst im Ungewissen noch Licht zu finden.

Zwischen Nostalgie und Gegenwart: die besondere Stärke von «Everything Glows»

Musikalisch liegt die besondere Stärke von «Everything Glows» in seiner Balance. Cannons gelingt das Kunststück, Klangfarben aufzurufen, die an die 70er- und vor allem an die 80er-Jahre erinnern, ohne dabei in blosse Nostalgie zu verfallen. Synthesizer schimmern, Gitarren glühen, die Grooves bleiben geschmeidig, und über allem liegt diese unverwechselbare Stimme von Michelle Joy, die Distanz und Intimität zugleich erzeugen kann. Im Gespräch mit Euphoria betonte Joy selbst, wie sehr sie sich von der Zeitlosigkeit bestimmter 80er-Jahre-Musik inspirieren liess; genau dieses Streben nach etwas Dauerhaftem, nicht bloss Trendgebundenem, ist auf dem ganzen Album zu hören.

Spitalradio LuZ Musikchef Andi Balsiger ordnet das Album entsprechend ein: «Cannons gelingt auf ‹Everything Glows› ein bemerkenswert souveräner Spagat zwischen den grossen Klanggesten der 70er- und 80er-Jahre und einer zeitgenössischen, stilistisch geschärften Pop-Ästhetik. Das wirkt nie zitathaft, sondern durchwegs eigenständig und elegant weitergedacht.»

Und weiter: «Bemerkenswert ist zudem die ausserordentliche Geschlossenheit dieses Albums. Es findet sich kein einziger Titel, der qualitativ abfällt; vielmehr entsteht der Eindruck eines Werks, das seine Spannung und sein Niveau von Anfang bis Ende hält.»

Für Balsiger ist daher auch die geringe Bekanntheit der Band hierzulande kaum nachvollziehbar: «Dass Cannons in der Schweiz noch nicht jene Aufmerksamkeit erhalten, die ihnen künstlerisch zusteht, wird dieser Band in keiner Weise gerecht. Es wäre sehr zu begrüssen, wenn sich das mit diesem Album endlich ändern würde.»

Tatsächlich spricht vieles dafür. Schon die Vorabveröffentlichungen «All I Need», «Starlight» und «These Nights» machten deutlich, dass Cannons ihren Stil nicht verwässern, sondern verfeinern. Die offizielle Tracklist zeigt ein Album, das als zusammenhängendes Werk gedacht ist: Neben den Singles finden sich darauf Titel wie «Carousel», «I Get Weak», «Shine», «Light as a Feather», «Fool for You», «Good Luck Charm», «Photographs» und «Take Me to Tokyo». Die Dramaturgie wirkt geschlossen, der Sound nie beliebig. Gerade darin liegt eine Qualität, die im gegenwärtigen Popbetrieb selten geworden ist: «Everything Glows» wirkt wie ein Album im eigentlichen Sinn — nicht wie eine lose Sammlung einzelner Veröffentlichungen.

Ein Album, das auch Kritikerinnen und Kritiker überzeugt

Auch erste Pressestimmen deuten in diese Richtung. Bass Magazine bezeichnet «Everything Glows» als ein «powerful and entrancing fifth album» und hebt besonders hervor, dass die Platte weniger wie ein blosses Comeback klinge als wie die Neuerfindung einer Band, die ihren kreativen Prozess vertieft habe. Euphoria sieht Cannons mit diesem Werk «better than ever» und beschreibt das Album als Auseinandersetzung mit Herzschmerz, Wiedergeburt und Freiheit. Rough Trade wiederum betont, dass man hier nicht einfach die Rückkehr einer Band höre, sondern das Dokument einer Gruppe, die ihre Zusammenarbeit neu definiert habe. Diese Stimmen sind bemerkenswert einhellig: «Everything Glows» wird nicht als Zwischenwerk wahrgenommen, sondern als künstlerisch geschlossener und emotional glaubwürdiger Entwicklungsschritt.

Vielleicht liegt gerade darin der Reiz dieses Albums: Es drängt sich nicht auf, sondern entfaltet seine Wirkung mit einer fast altmodischen Geduld. «Everything Glows» ist kein Popalbum des schnellen Effekts, sondern eines der nachhaltigen Atmosphäre. Es verbindet Melancholie und Glanz, Bewegung und Verletzlichkeit, Rückschau und Gegenwart. Für Cannons ist es ein weiterer Beweis ihrer Klasse; für ein Schweizer Publikum, das die Band bislang womöglich zu wenig auf dem Radar hatte, könnte es der ideale Einstieg sein.


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