Wenn Lagos die Welt tanzen lässt: Afrobeats zwischen Boom und Vergänglichkeit
Ein Sound aus Lagos geht um die Welt
Afrobeats ist derzeit einer der spannendsten Sounds der internationalen Popmusik. Was vor einigen Jahren für viele Hörerinnen und Hörer in Europa noch wie ein Nischenklang aus Nigeria wirkte, ist inzwischen in den grossen Playlists, Clubs, Hitparaden und Radios angekommen. Namen wie Burna Boy, Wizkid, Rema, Tems, Davido oder Asake stehen heute für eine neue Generation afrikanischer Popstars, die ihren Sound nicht mehr an westliche Märkte anpassen müssen, sondern mit ihrer eigenen musikalischen Sprache weltweit Erfolg haben.
Besonders Asake zeigt, wie breit dieser Klang inzwischen geworden ist. Der Musiker aus Lagos verbindet nigerianische Rhythmen, südafrikanische Clubmusik, moderne Synthesizer, spirituelle Chöre und einen sehr direkten Pop-Appeal. Gesungen wird oft auf Yoruba oder Pidgin-English. Trotzdem funktioniert die Musik international, weil Rhythmus, Stimmung und Energie auch ohne Übersetzung verständlich sind.
Für Spitalradio LuZ ist dieser Boom besonders interessant. «Als Musikredaktor beobachte ich solche Entwicklungen immer sehr genau. Plötzlich tauchen einzelne Songs auf, dann werden es immer mehr, und irgendwann hat man das Gefühl: Jetzt klingt die halbe Popwelt so», sagt Musikchef Andi Balsiger.
Von Fela Kuti bis zum Streaming-Zeitalter
Ganz neu ist die afrikanische Prägung in der Popmusik nicht. Schon in den 1960er- und 1970er-Jahren verband Fela Kuti Funk, Jazz und westafrikanische Rhythmen zu einem politisch aufgeladenen Afrobeat. Seine Musik war Protest, Haltung und kulturelles Selbstbewusstsein. Der heutige Afrobeats – meistens mit «s» geschrieben – ist davon beeinflusst, aber deutlich anders ausgerichtet. Er ist weniger politisch, stärker digital, oft tanzbarer und klarer auf den internationalen Popmarkt zugeschnitten.
Der grosse Unterschied liegt auch in der Verbreitung. Früher brauchte es Plattenfirmen, Radiostationen und grosse TV-Auftritte, um Musik weltweit bekannt zu machen. Heute reichen TikTok, Streamingdienste, Playlists und internationale Features, damit ein Song aus Lagos, Johannesburg oder Accra plötzlich in Europa, Amerika oder Asien gehört wird. Genau das hat den afrikanischen Pop in den letzten Jahren massiv beschleunigt.
Ein wichtiger Moment war für viele europäische Hörerinnen und Hörer der Welterfolg von «Jerusalema» von Master KG feat. Nomcebo Zikode. Später sorgte auch die Version mit Burna Boy dafür, dass der Song noch stärker international wahrgenommen wurde. Streng genommen ist «Jerusalema» kein klassischer Afrobeats-Titel, sondern eher südafrikanischer Gospel-House mit Amapiano-Nähe. Trotzdem hat der Song vielen Menschen die Tür zu afrikanischen Sounds geöffnet.
«Für mich war ‹Jerusalema› so etwas wie ein Startsignal im breiten Publikum», sagt Andi Balsiger. «Von da an merkte man: Afrikanische Rhythmen funktionieren nicht nur als exotische Beimischung, sondern können selbst im Zentrum eines Welthits stehen.»
Popgeschichte ist immer auch Hypegeschichte
Wer die Popmusik über längere Zeit verfolgt, weiss aber: Solche Wellen gab es immer wieder. Ein Stil taucht auf, wirkt frisch, wird von den Medien entdeckt, von den Plattenfirmen verstärkt, von Radios übernommen und von anderen Künstlern kopiert. Dann entsteht ein Boom. Und irgendwann kippt der Moment. Was zuerst neu und aufregend klang, wirkt plötzlich berechenbar. Der Markt wird überschwemmt. Die Hörerinnen und Hörer sehnen sich wieder nach etwas anderem.
In den 1970er-Jahren war Disco ein globales Phänomen. Kaum ein Genre prägte Clubs, Mode, Filme und Charts so stark. Doch schon wenige Jahre später kam die Gegenbewegung. Disco verschwand nicht vollständig, aber der Hype war vorbei. Seine Spuren blieben trotzdem erhalten – in Dance, House, Funk, Pop und elektronischer Musik.
Ähnlich war es mit Reggae- und Dancehall-Einflüssen, mit Eurodance in den 1990er-Jahren, mit Balkan-Beats, mit EDM oder mit dem grossen Latino-Pop-Boom. Immer wieder gab es Phasen, in denen ein bestimmter Rhythmus plötzlich überall war. Und immer wieder folgte danach eine Normalisierung.
Der Latin-Pop als gutes Beispiel
Ein besonders gutes Beispiel ist der Latin-Pop. In den 2000er- und 2010er-Jahren waren Latino-Rhythmen im internationalen Pop kaum zu überhören. Enrique Iglesias, Shakira, Ricky Martin, später Luis Fonsi, Daddy Yankee, J Balvin, Maluma oder Bad Bunny sorgten dafür, dass spanischsprachige Musik weltweit viel selbstverständlicher gehört wurde.
Mit «Despacito» erreichte dieser Trend 2017 seinen vielleicht grössten Moment. Der Song von Luis Fonsi und Daddy Yankee, später zusätzlich befeuert durch den Remix mit Justin Bieber, wurde zu einem weltweiten Streaming- und Radioereignis. Danach kamen unzählige Songs mit ähnlichem Rhythmus, ähnlicher Produktion und ähnlichem Sommerhit-Gefühl. Der Markt wurde regelrecht überschwemmt.
Heute ist Latin Music international weiterhin erfolgreich. Vor allem in den USA, Lateinamerika und auf Streamingplattformen ist der Markt stark. Im europäischen Mainstream-Radio ist der ganz grosse Latin-Hype aber deutlich abgeflacht. Einzelne Hits schaffen es weiterhin in die Programme, aber die Phase, in der fast jeder zweite Sommerhit nach Reggaeton, Latin-Pop oder tropischem Dance klang, ist vorbei.
«Genau das ist der Punkt», sagt Andi Balsiger. «Ein Sound kann kulturell wichtig bleiben, wirtschaftlich erfolgreich sein und trotzdem im normalen Radioprogramm wieder weniger dominant werden. Der Hype verschwindet nicht komplett – aber er verliert seine Allgegenwärtigkeit.»
Afrobeats erlebt jetzt diesen Moment
Afrobeats befindet sich im Moment genau in einer solchen Aufstiegsphase. Rema landete mit «Calm Down» und dem Remix mit Selena Gomez einen weltweiten Hit. Burna Boy gewann einen Grammy und füllt grosse Arenen. Wizkid, Tems und Davido sind längst internationale Namen. Asake zeigt mit seinem aktuellen Erfolg, dass der Markt weiterhin neue Stars hervorbringt.
Dazu kommt: Afrobeats ist kein einzelner Klang, sondern ein Sammelbegriff für viele verwandte Strömungen. Afropop, Amapiano, Afro-Fusion, Highlife-Einflüsse, Dancehall, R&B, Hip-Hop und elektronische Musik fliessen ineinander. Genau das macht den Sound so flexibel. Ein Song kann spirituell klingen, der nächste clubtauglich, der dritte melancholisch, der vierte wie ein internationaler Popsong mit afrikanischem Fundament.
Trotzdem besteht die Gefahr der Überreizung. Wenn ein bestimmter Beat, eine bestimmte Rhythmik oder eine bestimmte Produktionsweise plötzlich in sehr vielen Songs auftaucht, nutzt sich der Überraschungseffekt ab. Was zuerst frisch klingt, kann schnell zur Formel werden. Das war bei Latin-Pop so, bei EDM so und auch bei vielen anderen Trends der Popgeschichte.
Warum die normale Popmusik immer zurückkommt
Die klassische Popmusik hat eine erstaunliche Fähigkeit: Sie nimmt Trends auf, verarbeitet sie und kehrt danach wieder zu einer breiteren Mitte zurück. Ein neuer Rhythmus kann den Sound der Zeit verändern. Doch am Ende bleiben meist nicht die reinen Kopien, sondern die besten Songs. Gute Melodien, starke Stimmen, klare Refrains und emotionale Themen überleben länger als jeder Produktionshype.
Deshalb ist es gut möglich, dass Afrobeats in den nächsten Monaten und Jahren noch stärker in den europäischen Hitparaden und Radioprogrammen auftaucht. Die Zahl der Songs dürfte weiter zunehmen. Internationale Popstars werden den Sound noch häufiger aufgreifen. Plattenfirmen werden nach dem nächsten Rema, dem nächsten Burna Boy oder dem nächsten Asake suchen.
Genauso wahrscheinlich ist aber, dass diese Welle irgendwann wieder abflacht. Afrobeats wird nicht verschwinden. Dafür ist die Szene zu gross, zu kreativ und kulturell zu bedeutend. Aber der aktuelle Hype wird sich normalisieren. Ein Teil des Sounds wird im globalen Pop bleiben, ein anderer Teil wird wieder stärker in seine Kernmärkte zurückkehren.
«Ich bin überzeugt: Afrobeats hat im Moment einen verdienten Höhenflug», sagt Andi Balsiger. «Aber die Popmusik lebt von Bewegung. Was heute überall ist, ist morgen schon wieder ein Einfluss unter vielen. Die normale Popmusik kommt immer wieder zurück – einfach mit neuen Farben im Gepäck.»
Ein Boom mit bleibenden Spuren
Ob Afrobeats also nur ein Hype ist oder ein dauerhaft prägender Sound, wird sich erst mit etwas Abstand zeigen. Sicher ist: Die aktuelle Welle verändert die Popmusik bereits jetzt. Afrikanische Künstlerinnen und Künstler stehen nicht mehr am Rand des Weltmarkts, sondern mitten darin. Lagos, Johannesburg oder Accra sind keine exotischen Randnotizen mehr, sondern wichtige Orte der globalen Popproduktion.
Vielleicht wird der Afrobeats-Boom in ein paar Jahren tatsächlich weniger stark im Radio zu hören sein. Vielleicht werden dann wieder Gitarrenpop, klassischer Dance, Country-Pop oder ein ganz neuer Stil dominieren. Doch wie bei Disco, Latin-Pop oder Reggae wird auch von Afrobeats etwas bleiben: ein Rhythmusgefühl, eine andere Leichtigkeit, neue Stimmen und die Erkenntnis, dass Weltmusik heute nicht mehr von Europa oder Amerika aus definiert wird.
Für Spitalradio LuZ bleibt genau das spannend. Musik ist immer auch ein Spiegel der Zeit. Und manchmal beginnt der Klang der Zukunft nicht in London, New York oder Los Angeles – sondern in Lagos.




